Workism im Job: erschöpfte Person im Büro verdeckt das Gesicht – Symbol für Überidentifikation mit Arbeit und Stress

Workism – Wenn Arbeit zum Sinn des Lebens wird

Du arbeitest gern, du engagierst dich, du willst es gut machen. Und dann, irgendwann, merkst du: Ein schlechter Tag bei der Arbeit ist nicht mehr nur ein schlechter Tag. Er wirft dich um. Weil Arbeit aufgehört hat, etwas zu sein, das du tust. Sie ist etwas geworden, das du bist. Willkommen bei Workism.

 

Was Workism bedeutet

Workism beschreibt eine Haltung, in der Arbeit mehr ist als nur ein Job. Sie wird zur zentralen Quelle für Identität, Sinn und Selbstwert. Der Begriff wurde vor allem durch den Journalisten Derek Thompson geprägt. Seine These: Früher waren Religion oder Gemeinschaft die zentralen Sinnquellen des Lebens. Heute ist es für viele die Arbeit.

Das klingt zunächst nicht problematisch. Arbeit gibt Struktur, Rückmeldung und Entwicklung. Wer in seiner Arbeit aufgeht, erlebt Motivation, Leistungsbereitschaft und Identifikation. Das ist nicht grundsätzlich falsch. Es kippt erst dann, wenn Arbeit aufhört, ein Teil des Lebens zu sein, und anfängt, der Maßstab dafür zu werden.

 

Workism – Wo es kippt

Das Problem beginnt aber nicht mit Engagement. Es beginnt mit Überidentifikation.

Du definierst deinen Wert über Leistung. Du arbeitest auch dann weiter, wenn es nicht mehr sinnvoll ist. Du nimmst Rückschläge nicht sachlich, sondern persönlich. Ein schlechtes Feedback ist kein Hinweis auf ein Problem, es fühlt sich an wie ein Urteil über dich als Person.

Arbeit wird zur einzigen Bühne. Und wer nur eine Bühne hat, kann sich keinen schlechten Auftritt leisten.

 

Zwei Realitäten von Workism

Workism sieht nicht für alle gleich aus. Angestellte und Selbständige geraten aus unterschiedlichen Gründen hinein, und sie zahlen einen unterschiedlichen Preis.

 

Angestellte

Bei Angestellten entsteht Workism oft aus dem Wunsch nach Sicherheit und Zugehörigkeit. Sie orientieren sich an den Erwartungen der Führung, hoffen, durch Leistung gesehen zu werden, und investieren mehr, wenn die Anerkennung ausbleibt. Das erzeugt hohe Einsatzbereitschaft, Verlässlichkeit und oft eine schnelle Integration ins Team. Kurzfristig funktioniert das gut.

Das typische Muster lautet: Wenn ich mich genug einbringe, wird es gesehen. Dieser Gedanke wird häufig enttäuscht, weil Organisationen Leistung selten so wahrnehmen und würdigen, wie sie investiert wurde. Das Ergebnis ist Abhängigkeit von externer Bewertung, Frustration bei fehlender Anerkennung und eine wachsende Unfähigkeit zur Abgrenzung.

Was hilft: Leistung und Selbstwert trennen. Erwartungen aktiv klären, statt sie zu erraten. Grenzen setzen, bevor andere sie setzen. Und regelmäßig prüfen: Was ist meine Aufgabe, und was nicht?

 

Selbständige und Unternehmer

Bei Selbständigen ist der Mechanismus ein anderer, aber nicht weniger wirksam. Die Existenz hängt direkt an der eigenen Leistung. Verantwortung für Einkommen, Mitarbeiter und Strukturen liegt bei einer Person. Die Identifikation mit dem eigenen Tun ist hoch, oft bewusst gewählt und zunächst eine Stärke: Eigenverantwortung, Gestaltungsspielraum, starke Motivation.

Das typische Muster lautet hier: Wenn ich nicht arbeite, funktioniert nichts. Dieser Gedanke ist manchmal berechtigt. Er führt aber zu Daueranspannung, permanenter Erreichbarkeit und einer Verschmelzung von Rolle und Person, die langfristig auch die Stärksten erschöpft. Entscheidungen werden persönlich genommen, weil sie es in dieser Konstellation tatsächlich sind.

Was hilft: Strukturen aufbauen, die nicht allein vom eigenen Einsatz abhängen. KI und Automatisierung gezielt einsetzen, um Abhängigkeit vom eigenen Zeiteinsatz zu reduzieren. Arbeitsfreie Zeiten bewusst definieren und verteidigen. Rolle und Person trennen, auch wenn das in der Selbständigkeit schwerer fällt als anderswo. Und klar entscheiden, wo der eigene Einsatz wirklich notwendig ist, und wo nicht.

 

Der gemeinsame Denkfehler

Beide Gruppen teilen denselben Irrtum: Wenn ich mich genug einbringe, entsteht Sinn.

Das stimmt nur teilweise. Sinn entsteht nicht durch Menge oder Intensität des Einsatzes. Er entsteht durch Gestaltungsspielraum, durch Passung zwischen Fähigkeiten und Aufgaben, und durch erkennbare Wirkung. Aber er entsteht auch durch vieles, das mit Arbeit gar nichts zu tun hat: durch Beziehungen, die dir wichtig sind, Momente, die nichts leisten müssen, bei denen du nicht einmal ans Handy denkst und durch ein Leben, das breiter, voller und bunter ist als dein Kalender.

Fehlt das alles, entsteht kein Sinn. Es entsteht Druck.

 

Was die Forschung zeigt

Aus der Arbeitspsychologie ist bekannt: Sinnhafte Arbeit wirkt stabilisierend. Überidentifikation jedoch erhöht Stress. Fehlende Abgrenzung führt zu Erschöpfung und kann zu Burnout führen. Workism verstärkt genau diese Dynamik, weil er Abgrenzung als Schwäche behandelt und Überidentifikation als Tugend.

 

Was stattdessen funktioniert

  • Arbeit als Teil des Lebens sehen, nicht als Zentrum. Arbeit ist eine wichtige Säule der Identität, aber nicht die einzige.
  • Den eigenen Maßstab definieren, unabhängig von dem, was außen erwartet wird.
  • Grenzen setzen, nicht als Abwehr, sondern als Voraussetzung für dauerhafte Leistungsfähigkeit.
  • Und Sinnquellen bewusst breiter aufstellen: Beziehungen, Entwicklung, persönliche Themen jenseits der Arbeit.

 

Das ist kein Aufruf zur Gleichgültigkeit. Es ist eine Frage der Proportionalität.

 

Was Führung daraus mitnehmen kann

Organisationen fördern Workism oft indirekt: durch permanente Erreichbarkeit, durch unklare Erwartungen, durch fehlende Priorisierung. Niemand sagt explizit, dass die Identität an der Arbeit hängen soll. Aber die Strukturen sagen es oft.

Führung hat hier eine konkrete Aufgabe: Erwartungen benennen, statt sie implizit zu lassen. Überlastung sichtbar machen, bevor sie eskaliert. Und den Wert einer Person klar von ihrer Funktion trennen. Wer jemandem sagt „Wir brauchen dich, du bist unersetzlich”, meint es oft gut. Aber er bindet damit Identität an Verfügbarkeit. Das ist keine Wertschätzung. Das ist Druck mit freundlichem Gesicht.

Besser: Lob die Leistung konkret und die Person separat. „Du hast dieses Projekt mit einer Klarheit durchgezogen, die dem ganzen Team geholfen hat” ist Wertschätzung. „Ohne dich läuft hier gar nichts” ist Abhängigkeit, die sich wie ein Kompliment anfühlt.

Und wer auf die jüngere Generation schaut, sieht vielleicht nicht nur „Faulheit“. Er sieht Menschen, die früher als andere verstanden haben, dass Arbeit ein Teil des Lebens ist, nicht das Leben selbst. Das ist ein Signal, das Führung ernst nehmen sollte.

 

Fazit: Workism ist kein Engagement-, sondern ein Balanceproblem

Wenn Arbeit alles wird, verliert sie ihre Funktion. Sie soll nicht dein Leben ersetzen. Sie soll ein Teil davon sein. Ein wichtiger, manchmal erfüllender, manchmal anstrengender Teil. Aber eben nur ein Teil.

Und du? Arbeitest du gerade, oder definierst du dich darüber?

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Ich bin Maria Mpalaoura, Beraterin, Trainerin und Gründerin von Montagsfreude. Hier schreibe ich über Themen, die helfen, Montagsfrust im Job zu überwinden und Arbeit motivierender zu gestalten.

 

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